| Remigranten
Wir kamen am Jahresende 1961 zurück aus Finnland, nach meinen
13 Jahren, en famille: Trudi, die Erinnerung an Ueli, die zwei Töchter
Regula und Vrene, die dritte unterwegs, Nina, kam erst in der Schweiz
zur Welt.
Mit SANDOZ war vereinbart, dass ich - auf Grund meiner Spitzenergebnisse
in Finnland - Ausbildner von Aussenmitarbeitern werden soll. Dazu
kam es nicht. Es war die Aera, da die beiden Pioniere, der Chemiker
Arthur STOLL und der Pharmakologe Ernst ROTHLIN ausgebootet wurden.
Es war die Welle der totalen Kommerzialisierung. Sandoz importierte
seinen Aussenchef Yves DUNANT aus Paris. Mit ihm begann die Umkrempelung
auf nur noch sofort Umsatzsteigerung. Dahinein passte meine ausgefallene
Methodik - der sachlichen Übermittlung an die für den Umsatz
zuständigen Ärzte, samt Diskussion der Möglichkeiten
und Nachteile - gar nicht mehr. DUNANT führte eine Art Drehbuch
ein für die Aussenwerber: Je Quartal hatten sie ihren thematisch/produkt-zugerichteten
Arztbesuch (Begrüssung, Ablauf, Geschenklein an die Arztgehilfin,
wann Bleistift aus der Tasche und "Kurve" erläutern,
. . . ) auswendig zu lernen und an Ort abzudrehen. Ich wurde abgeschoben
auf Melleril-Besuche in psychiatrischen Kliniken der Schweiz, vom
Drehbuch verschont. Aber DUNANT versuchte mich zu drillen, mir den
Enthusiasmus für sein neues Ding einzutrichtern. Bald aber wurde
ich versetzt in die Abteilung Werbedrucksachen - ausgerechnet ich!
In der Dependance an der Voltastrasse verfasste ich ein paar Prospekte,
die natürlich dem Chef NEUGEBAUER nicht gefielen. So viel hatte
ich schnell gelernt, hatte neue Aufträge jeweils sofort skizziert
und in meine Schublade gelegt. Wenn der Chef nach dem Resultat rief,
legte ich ihm die Skizze vor, wohl wissend, dass er sie nicht goutierte
und dafür seine besseren Vorschläge einbrachte. Damit gewann
ich Zeit für mich. Bereits hatte ich meinen Ausstieg aus dem
Etablissement beschlossen, bald auch angekündigt. Man schien
erleichtert den Unbequemen loszuwerden. Das letzte Jahr bei SANDOZ
- mit endlich gutem Lohn - füllte ich mit der Vorbereitung des
Nachher. In diesen Wochen übersetzte ich Generalstabschef Lennart
OESCH's Geschichte von „Finnlands Entscheidungskampf auf der
Karelischen Landenge im Jahr 1944“ ("Suomen kohtalon ratkaisu
Kannaksella v. 1944") ab Blatt, für den Verlag Huber Frauenfeld.
Das Buch, für (subalterne) Offiziere vor allem der Schweizer
Armee empfohlen, wurde zum Flop. Meine Tantièmen daraus betrugen
für 1972 SFr. 23.10, für 1973 SFr.37. 65 und 1974 SFr. 1.35.
Im Hotel "Drachen" in Basel war ich nach der Heimkehr von
Finnland ein paar Monate einquartiert, während die Familie im
Auslandschweizerheim in Dürrenäsch/Aargau wohnte. Ich hatte
mir eben ein neues Auto erstanden, einen roten Volvo (der mir bis
in die 70er Jahre diente). Im Büro wurde der Volvo (oder ich?)
bald „de Gritteschlepper" genannt, denn er war u.a. praktisch
für das Hin und Her aus unserer Dependance an der Voltastrasse
zur Sandoz-Kantine. Die freche neue Francesca provozierte gegen damalige
Umgangs-Erstarrung, machte Aufruhr, als sie in der Mittagspause auf
dem Dach an der Voltastrasse im Bikini sonnenbadete. Ich verstiess
ganz gern gegen die Prüderien, musste einmal beim Konzernchef
antreten. Ich hätte meinen Volvo auf dem Parkplatz von Generaldirektor
JACOTTET parkiert, hiess der Vorwurf. Sofort korrigierte ich: nein,
nicht auf, sondern neben seinem Parkplatz.
Unser Haus in Duggingen war erst im Bau. Die Familie zog in eine Wohnung
an der Bettenstrasse in Allschwil.
Schon von Finnland aus hatte ich nach einem künftigen Wohnplatz
gesucht und in Duggingen gefunden, im damals noch bernischen Laufental.
Ich hatte Karriere gemacht, war endlich (dank kleiner Provision am
grossen Umsatz) gut bezahlt, musste allerdings in Basel den Lohn zurückstufen
lassen. Noch unbeschwert von Umweltgedanken hatte ich neben dem Schiessplatz
Duggingen eine schöne Wiese gefunden. Ich musste sie aufgeben,
konnte aber auf einem prächtigen Wiesenhang in den Rainreben
ob dem kleinen Duggbach, dicht neben dem Wasser-Reservoir schliesslich
eine Baubewilligung erwirken – ausserhalb einer erst später
festgelegten Bauzone. Walter BOECK, Pfadikamerad aus Flambergzeiten
(in Zürich), plante und baute das Haus, ein prächtiges -
viel zu grossartig für das, was mir bevorstand: das Ende der
Lohnarbeit und die Ungewissheit, was nun, was dann? Der Bauführer
KOHLER aus Liesberg liess uns im Stich, und so wurde ich "Bauführer",
eine nützliche Erfahrung.
Schnell kamen die Geldnöte; die Schwiegereltern halfen überbrücken.
Vieles ging mir durch den Kopf, was ich tun könnte, Champignons
züchten, Häuser makeln, SCHNITZER's Mühlen und Bücher
verkaufen, Versicherungen aquirieren. Immerhin: Noch bei Sandoz hatten
sich zwei Ideen eingenistet. Die eine wurde bis zu einem allerdings
schwachen Anfang auch praktiziert. >>
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Die andere war aussichtsreicher, ernsthafter. Sie fand verbalen Anklang
bei konsultierten Professoren, Direktoren, Rektoren. Aber keiner wollte
einen ersten Schritt wagen. Der Refrain: Wenn XY mitmacht, kann ich
mir ein Mittun auch vorstellen. So probierte ich im Kreis herum, und
kein Anfang gelang. Die Idee und ein Ansatz zum Konzept:
>> Brachfeld für
Exportförderung.
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