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Brief an Bundespräsident Adolf Ogi

8. Januar 1993 (aktualisiert am 11. Oktober 2004)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

Ich nehme Sie bei Ihrem Neujahrswort und lade Sie ein, mich Andersdenkenden anzuhören bzw., weil Sie ein Gespräch mit mir ausdrücklich nicht gewünscht haben, die beigelegten nuxen-79 und -80 aufmerksam zu lesen.

Unser Nein war und ist ein starkes Ja zu einem Offenen Europa und darüber hinaus, ein Nein allerdings zu einem wirtschaftswachstumbesessenen exklusiven West-Europa. Es ist das Nein einer Minderheit.

Aus ökologischer Sicht bin ich (nicht allein) der Meinung, dass wir die Last der Arbeitslosigkeit und die heutigen Krisen mit Kraftakten eines Wirtschaftsaufschwungs Schweiz - USA - Japan, wozu Sie nun aufrufen, nur vor uns herschieben. Die Krisen werden uns, dann vor allem unsere Kinder und Grosskinder, später nur umso härter bedrücken. Der von Ihnen vorgezeichnete Weg ist nicht ein Weg weltweiter Solidarität und vergisst zu sehr die Natur, die sterbende Oekosphäre, die in ihrer Not Leitbild für alle Politik sein müssten. Uns allen steht es an, dass wir uns bescheiden und unsere Ansprüche, Konsum, Verschleiss, Energieverbrauch auf ein Mass reduzieren, welches der ganzen Erde (nicht nur kurzfristig unserem Wirtschaftssystem) ein Ueberleben erlaubt. Wie ich das verstehe, das habe ich in den nuxen auch mit Zahlen skizziert. Es ist höchste Zeit, dass wir neue Modelle entwickeln.

Ich füge weiter einen Brief bei, eine Art Fazit aus der Arbeit der vergangenen zwanzig Jahre im Forum für verantwortbare Anwendung der Wissenschaft, unsere Erfahrungen auf dem Feld angewandter Wissenschaft. Vom seinerzeitigen Sowjet-Minister und Akademiker Evgenyi Velikov war ich eingeladen worden zum Global Forum of Spiritual and Parlamentary Leaders of Human Survival.
So hatte ich im Januar 1990 in Moskau Gelegenheit, über Auswüchse und Alltag der Machtstruktur Wissenschaft mit vielen TeilnehmerInnen am Global Forum zu diskutieren. Ich illustriere das Thema "Corruption in Science" (tat es auch vorher und tue es seither) mit dokumentierten Beispielen. (Vielleicht erinnern Sie sich an das Beispiel vom verfehlten schweizerischen Strahlenschutz-Gesetz; nux Nrn 68 und 71.)

Ich schliesse diesen Brief mit dem Schlussvers meiner nux-73-74, die betitelt war "Lucens und kein Ende - oder Lucens ein Anfang? ein Hüte-Konzept-Modell für Europa?". Das Hüte-Konzept für die radioaktiven Abfälle hätte in die Diskussionen über den Energie-Frieden miteinbezogen werden müssen, aber man hatte - hüben und drüben am Verhandlungstisch - Angst davor und hat es nicht zugelassen. Dennoch lässt es sich nicht einfach verdrängen. Dort steht die Frage nach unserem Verhältnis zur Nachwelt im Vordergrund. Inzwischen hat NAGRA-Direktor Hans Issler zugesagt, das Hüte-Konzept vergleichend mit den NAGRA-Optionen genauer mit uns zu diskutieren. Ich würde mich freuen, wenn auch Sie oder Ihre Sachvertreter an jenem Seminar mitwirken wollten. Es ist auf den 23.-24.Juni 1993 in Wettingen vorgesehen.

- Der Schlussvers also lautete und gilt heute noch:

Die Abfälle sind da - daran lässt sich nichts ändern.
Es werden immer mehr - daran liesse sich etwas ändern.
Ändern wir nichts daran - jetzt! -
so finden wir keinen Energie-Frieden.


Mit freundlichem Gruss Konradin Kreuzer

Beilagen:
- nux Nr.79 "Nicht nur nein zur EG
- sondern ja zu einem Gegengewicht - - "
- nux Nr.80 "Notre Non est un fort Oui pour une Europe Ouverte - -
  Oh doch - es gibt Alternativen -
  Wir müssen und wollen den Gürtel enger schnallen"
- nux Nr.73-4 "Lucens - und kein Ende? - - " mit Schlussvers
- Brief 1990: "Corruption in Science"