| Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Ich nehme Sie bei Ihrem Neujahrswort und lade Sie ein, mich Andersdenkenden
anzuhören bzw., weil Sie ein Gespräch mit mir ausdrücklich
nicht gewünscht haben, die beigelegten nuxen-79 und -80 aufmerksam
zu lesen.
Unser Nein war und ist ein starkes Ja zu einem Offenen Europa und
darüber hinaus, ein Nein allerdings zu einem wirtschaftswachstumbesessenen
exklusiven West-Europa. Es ist das Nein einer Minderheit.
Aus ökologischer Sicht bin ich (nicht allein) der Meinung, dass
wir die Last der Arbeitslosigkeit und die heutigen Krisen mit Kraftakten
eines Wirtschaftsaufschwungs Schweiz - USA - Japan, wozu Sie nun aufrufen,
nur vor uns herschieben. Die Krisen werden uns, dann vor allem unsere
Kinder und Grosskinder, später nur umso härter bedrücken.
Der von Ihnen vorgezeichnete Weg ist nicht ein Weg weltweiter Solidarität
und vergisst zu sehr die Natur, die sterbende Oekosphäre, die
in ihrer Not Leitbild für alle Politik sein müssten. Uns
allen steht es an, dass wir uns bescheiden und unsere Ansprüche,
Konsum, Verschleiss, Energieverbrauch auf ein Mass reduzieren, welches
der ganzen Erde (nicht nur kurzfristig unserem Wirtschaftssystem)
ein Ueberleben erlaubt. Wie ich das verstehe, das habe ich in den
nuxen auch mit Zahlen skizziert. Es ist höchste Zeit, dass wir
neue Modelle entwickeln.
Ich füge weiter einen Brief bei, eine Art Fazit aus der Arbeit
der vergangenen zwanzig Jahre im Forum für verantwortbare Anwendung
der Wissenschaft, unsere Erfahrungen auf dem Feld angewandter Wissenschaft.
Vom seinerzeitigen Sowjet-Minister und Akademiker Evgenyi Velikov
war ich eingeladen worden zum Global Forum of Spiritual and Parlamentary
Leaders of Human Survival.
So hatte ich im Januar 1990 in Moskau Gelegenheit, über Auswüchse
und Alltag der Machtstruktur Wissenschaft mit vielen TeilnehmerInnen
am Global Forum zu diskutieren. Ich illustriere das Thema "Corruption
in Science" (tat es auch vorher und tue es seither) mit dokumentierten
Beispielen. (Vielleicht erinnern Sie sich an das Beispiel vom verfehlten
schweizerischen Strahlenschutz-Gesetz; nux Nrn 68 und 71.)
Ich schliesse diesen Brief mit dem Schlussvers meiner nux-73-74, die
betitelt war "Lucens und kein Ende - oder Lucens ein Anfang?
ein Hüte-Konzept-Modell für Europa?". Das Hüte-Konzept
für die radioaktiven Abfälle hätte in die Diskussionen
über den Energie-Frieden miteinbezogen werden müssen, aber
man hatte - hüben und drüben am Verhandlungstisch - Angst
davor und hat es nicht zugelassen. Dennoch lässt es sich nicht
einfach verdrängen. Dort steht die Frage nach unserem Verhältnis
zur Nachwelt im Vordergrund. Inzwischen hat NAGRA-Direktor Hans Issler
zugesagt, das Hüte-Konzept vergleichend mit den NAGRA-Optionen
genauer mit uns zu diskutieren. Ich würde mich freuen, wenn auch
Sie oder Ihre Sachvertreter an jenem Seminar mitwirken wollten. Es
ist auf den 23.-24.Juni 1993 in Wettingen vorgesehen.
- Der Schlussvers also lautete und gilt heute noch:
Die Abfälle sind da - daran lässt
sich nichts ändern.
Es werden immer mehr - daran liesse sich etwas ändern.
Ändern wir nichts daran - jetzt! -
so finden wir keinen Energie-Frieden.
Mit freundlichem Gruss Konradin Kreuzer
Beilagen:
- nux Nr.79 "Nicht nur nein zur EG
- sondern ja zu einem Gegengewicht - - "
- nux Nr.80 "Notre Non est un fort Oui pour une Europe Ouverte
- -
Oh doch - es gibt Alternativen -
Wir müssen und wollen den Gürtel enger schnallen"
- nux Nr.73-4 "Lucens - und kein Ende? - - " mit Schlussvers
- Brief 1990: "Corruption in Science"
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