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Für einen besseren Umgang mit der Welt  -  VESTER

Frederic VESTER 1988 (aktualisiert am 1.April 2005)

„Selbst wenn wir die moralische Verpflichtung gegenüber unseren Nachkommen, die mit den von uns heute gelegten Umwelt-Veränderungen später fertig werden müssen, nicht spüren, sollten wir uns unter Berufung auf unseren eigenen Egoismus folgendes klarmachen: Zukunftsplanung spürt ihre Wirkung nicht erst in der Zukunft. Sie beeinflusst zuallererst einmal ganz konkret unsere Gegenwart. , da wir eine jede Beeinflussung der Zukunft nur über eine entsprechend angelegte Steuerung der Gegenwart erwarten können, ist dieses zukunftbezogene Handeln evolutionär sinnvoll, dann wird es zwangsläufig unsere Entscheidungen auch schon für die heutige Situation günstig beeinflussen. Denn alle biologischen Erfahrungen - und die sind schliesslich mehrere Milliarden Jahre als - sprechen dafür, dass dasjenige Ausgangssystem erhalten und gefördert wird, das einer sinnvollen und funktionsfähigen Zukunft entspricht - quasi als ‚positives Feedback durch evolutionär sinnvolles Design’.

Das heisst nichts anderes, als dass wir von der bisherigen Zivilisationsstufe, die auf der einfachen Logik linearer Ursache-Wirkungsbezüge beruht, den Schritt auf eine kybernetische Zivilisationsstufe vollziehen müssen. Eine Neuorientierung in unserem Denken, Planen und Handeln, das sich endlich von der Fixierung auf isolierte Einzelobjekte, Einzelmassnahmen, Einzelvorstösse und Einzelaspekte abwenden muss - gleich, aus welcher Richtung sie auch kommen - und statt dessen überlebensfähige Teilsysteme aufbaut, die - weil sie im Systemzusammenhang durchdacht - dann später auch mit diesem Systemzusammenhang zurechtkommen werden, statt immer wieder negative Überraschungen zu bringen, wie das heute ja meist der Fall ist.

Dass eine solche Neubetrachtung unserer zivilisatorischen Marschrichtung auch eine Fülle interessanter Innovationen bringen wird (und zum Teil in einzelnen Bereichen schon gebracht hat), ist selbstverständlich. Ein wirklicher Vorteil im Sinne der Überlebensfähigkeit unserer menschlichen Spezies – und das ist schliesslich das einzige wirklich zählende Kriterium, nach dem wir uns zu richten haben - kann eben nur dann erreicht werden, wenn wir den gleichen Grundregeln gehorchen, mit denen es die lebende Natur verstanden hat, sich nicht nur vier Milliarden Jahre am Leben zu erhalten, sonder sich bei konstanter Biomasse (also unter Nullwachstum) und dennoch grossem Umsatz weiter zu entwickeln und zu entfalten.

Je mehr unsere Wirtschaftsweise - und dazu zählt auch natürlich die Kommunikation - diesen Grundregeln entspricht, umso höher ist ihr sogenannter ‚kybernetischer Reifegrad’, das heisst, umso zukunftsorientierter wird sie sein. [1]

( Frederic VESTER: Leitmotiv vernetztes Denken - Für einen besseren Umgang mit der Welt; Wilhelm Heine Verlag, München 1988; Seite 94 )