| (Ein Gegenstück:
Weltsprache Finnisch - eine Utopie)
Ich spiele gern mit Sprachen. Seinerzeit hätte ich wohl besser
Linguistik studiert, aber Chemie und Medizin waren im Trend.
Englisch ist Weltsprache, ist die Sprache der Macht, der Mächte.
Englisch erdrückt andere Sprachen. In einer Arbeitsgruppe "Interdisc---
,--- in der ETHZ in
der wir über das Schicksal radioaktiver Abfälle Annäherung
der Meinungen suchten, kam ein Engländer zu mir und sagte: Ihr
müsst diese Arbeitsgruppe noch einmal zusammenrufen, und zwar
deutsch reden lassen. Es bedrücke ihn zu sehen und anzuhören,
wie unbeholfen und benachteiligt sich deutschsprachige Teilnehmer
ausdrücken. Zwar lernte auch ich in der Schule englisch, hatte
sogar schon damals gute Kontakte mit Englisch-sprachigen und kam ganz
passabel zurecht. Doch auch ich habe Mühe, mich in wichtigen,
in wissenschaftlichen, kulturellen, politischen Diskussionen klar
auszudrücken. Englisch ist leicht zu lernen - für small
talk. Es so zu können, dass anspruchsvolle Rede und Schrift geläufig
werden, ist ein sehr hoch gestecktes Ziel.
ENGLISCH, das sind tausend Sprachen. Die geschriebenen kann man an
den Händen abzählen, die gesprochenen sind zahllos. Oxford
English und die English des einst mächtigen British Commonwealth
(Australien, Kanada, Südafrika, Indien, und viele weitere in
Afrika, Südsee, Karibik ... ). Dann die Vereinigten Staaten von
Amerika oder USA. Sie übernahmen Englisch, behandelten es auf
ihre Weise. Viele Randregionen machten sich aus Not verständlich,
erfanden Pidgin English, Kirapim und weitere Abarten. "Matten-Englisch"
ist eine vergleichbare Erscheinung im deutschen Sprachraum, "Stadin
kieli" im finnischen.
Ich zitiere aus ENCYCLOPEDIA BRITANNICA 1768/1973, Vol.8, English
Language 538D:
"English syntax, it is true, is not so strict
as German and, regrettably perhaps, this syntactic looseness makes
English the easiest language in the world to speak badly.
It also makes English prone to ambiguity "
(auf deutsch: Die englische Satzlehre ist nicht
so strikt wie die deutsche, und die Lockerheit dieser Syntax - leider
vielleicht - macht Englisch zur Sprache der Welt, die am leichtesten
schlecht zu sprechen ist. Das macht Englisch anfällig für
Zweideutigkeiten.)
Machtgelüste und Überheblichkeit sind uralt. Ich zitiere
aus dem gleichen Vol.8 der ENCYCLOPEDIA, 543:
" ( - - ) in Musophilus (1599), the poet
Samuel DANIEL saw a vision. He dreamt of the expansion of English
among unknown and unknowing nations:
- And who, in time, knows whither we may vent
- The treasure of our tongue, to what strange shores
- This gain of our best glory shall be sent
- T'enrich unknowing nations with our stores?
- What worlds in th'yet unformed Occident
- may come refin'd with th'accents that are ours?
Daniel was evidently looking westward to Newfoundland and Canada,
to New England and the West Indies."
Der Dichter Samuel DANIEL (in Musophilus 1599) hatte eine Vision.
Er träumte von einer Ausbreitung des Englischen über unbekannte
und ungebildete Nationen. Es gelingt mir nicht, sein Gedicht poetisch
zu übersetzen. Item, er schwärmte davon, den Schatz seiner
Sprache an fremde Ufer zu bringen. Gross und ruhmvoll soll dies edle
Gut ungebildete Völker bereichern, soll Welten im ungeformten
Okzident mit unseren Akzenten verfeinern.
England begann mit einem Jahrhundert Rückstand zu kolonialisieren,
im Hintertreffen zu Spanien, Portugal, Frankreich. Für die Verbreitung
von Englisch lagen darin zwei Vorteile: Die Sprache, Wortformen und
Satz waren gefestigt, und inzwischen war der Buchdruck schnelles und
billiges Vehikel geworden. Iren und Engländer nisteten sich an
der Amerika-Ostküste ein. Neu-England entstand, Boston in Massachusetts.
...
- - - Englisch vermischte sich mit Africaans (holländische Kolonial-Abart),
mit "Babu English" in Indien/Pakistan, mit Malayisch und
Pidgin English in Asien, mit Austral-English und Neuseeland-English.
In Europa wuchsen franglais und sovangliski. Undurchdringlicher Mischmasch
ist entstanden.
Schrift wurde mit gesprochener Sprache schwer vereinbar, bald beliebig
aussprechbar. Wenn Nike naikhii tönt, wenn aus high hai wird,
aus rough röf, aus sure schuä, wo lead entweder liid oder
led zu vertonen ist, wo das r verloren geht, wo - - , da geht auch
Lernbarkeit verloren. Bei meinem Besuch in USA 1970 lief gerade ein
Reklame Spot im Fernsehen, der tönte aufdringlich: "pudder
is pedder!" (oder pöther is pether). Aus tt war pflüderweiches
dd/th geworden, aus b ein hartes p*. Die englische
milliard (1 000 000 000) wurde billion genannt, so musste die Billion
zur amerikanisch trillion werden, undsoweiter, als stünde bi-
mit neun Nullen im Einklang, als liesse sich die quadrillion mit ihren
15 Nullen durch 4 teilen. Es fehlte der kulturelle Hintergrund, das
Latein. Hörbar zum Beispiel im 'kwivlnt',
wo equi-valent gemeint ist. Dennoch wurde Amerika zur potenten
Vormacht, tonangebend in der Wissenschaft. Übermächtig auch
in England, wo billion und milliard durcheinander geraten. Für
Europa resultierte daraus eine verwirrende Fülle von Mengenfehlern
um Faktor 1000. Das ist besonders verhängnisvoll, weil im Zeitalter
der Taschenrechner und Computer der Sinn für Grössenordnungen
verloren gegangen ist, weil Kopfrechnen und Rechenschieber nicht mehr
Mode sind. Wer kennt noch den Rechenschieber?
Konradin Kreuzer
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