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Weltsprache Englisch - ein Unglück

12.08.2001 (erschien im "Zeitpunkt" ) (aktualisieret 8.8.04)

(Ein Gegenstück:  Weltsprache Finnisch - eine Utopie)

Ich spiele gern mit Sprachen. Seinerzeit hätte ich wohl besser Linguistik studiert, aber Chemie und Medizin waren im Trend.

Englisch ist Weltsprache, ist die Sprache der Macht, der Mächte. Englisch erdrückt andere Sprachen. In einer Arbeitsgruppe "Interdisc--- ,--- in der ETHZ   in der wir über das Schicksal radioaktiver Abfälle Annäherung der Meinungen suchten, kam ein Engländer zu mir und sagte: Ihr müsst diese Arbeitsgruppe noch einmal zusammenrufen, und zwar deutsch reden lassen. Es bedrücke ihn zu sehen und anzuhören, wie unbeholfen und benachteiligt sich deutschsprachige Teilnehmer ausdrücken. Zwar lernte auch ich in der Schule englisch, hatte sogar schon damals gute Kontakte mit Englisch-sprachigen und kam ganz passabel zurecht. Doch auch ich habe Mühe, mich in wichtigen, in wissenschaftlichen, kulturellen, politischen Diskussionen klar auszudrücken. Englisch ist leicht zu lernen - für small talk. Es so zu können, dass anspruchsvolle Rede und Schrift geläufig werden, ist ein sehr hoch gestecktes Ziel.

ENGLISCH, das sind tausend Sprachen. Die geschriebenen kann man an den Händen abzählen, die gesprochenen sind zahllos. Oxford English und die English des einst mächtigen British Commonwealth (Australien, Kanada, Südafrika, Indien, und viele weitere in Afrika, Südsee, Karibik ... ). Dann die Vereinigten Staaten von Amerika oder USA. Sie übernahmen Englisch, behandelten es auf ihre Weise. Viele Randregionen machten sich aus Not verständlich, erfanden Pidgin English, Kirapim und weitere Abarten. "Matten-Englisch" ist eine vergleichbare Erscheinung im deutschen Sprachraum, "Stadin kieli" im finnischen.

Ich zitiere aus ENCYCLOPEDIA BRITANNICA 1768/1973, Vol.8, English Language 538D:
"English syntax, it is true, is not so strict as German and, regrettably perhaps, this syntactic looseness makes English the easiest language in the world to speak badly. It also makes English prone to ambiguity "

(auf deutsch: Die englische Satzlehre ist nicht so strikt wie die deutsche, und die Lockerheit dieser Syntax - leider vielleicht - macht Englisch zur Sprache der Welt, die am leichtesten schlecht zu sprechen ist. Das macht Englisch anfällig für Zweideutigkeiten.)

Machtgelüste und Überheblichkeit sind uralt. Ich zitiere aus dem gleichen Vol.8 der ENCYCLOPEDIA, 543:

" ( - - ) in Musophilus (1599), the poet Samuel DANIEL saw a vision. He dreamt of the expansion of English among unknown and unknowing nations:

- And who, in time, knows whither we may vent
- The treasure of our tongue, to what strange shores
- This gain of our best glory shall be sent
- T'enrich unknowing nations with our stores?
- What worlds in th'yet unformed Occident
- may come refin'd with th'accents that are ours?

Daniel was evidently looking westward to Newfoundland and Canada, to New England and the West Indies."

Der Dichter Samuel DANIEL (in Musophilus 1599) hatte eine Vision. Er träumte von einer Ausbreitung des Englischen über unbekannte und ungebildete Nationen. Es gelingt mir nicht, sein Gedicht poetisch zu übersetzen. Item, er schwärmte davon, den Schatz seiner Sprache an fremde Ufer zu bringen. Gross und ruhmvoll soll dies edle Gut ungebildete Völker bereichern, soll Welten im ungeformten Okzident mit unseren Akzenten verfeinern.

England begann mit einem Jahrhundert Rückstand zu kolonialisieren, im Hintertreffen zu Spanien, Portugal, Frankreich. Für die Verbreitung von Englisch lagen darin zwei Vorteile: Die Sprache, Wortformen und Satz waren gefestigt, und inzwischen war der Buchdruck schnelles und billiges Vehikel geworden. Iren und Engländer nisteten sich an der Amerika-Ostküste ein. Neu-England entstand, Boston in Massachusetts. ...

- - - Englisch vermischte sich mit Africaans (holländische Kolonial-Abart), mit "Babu English" in Indien/Pakistan, mit Malayisch und Pidgin English in Asien, mit Austral-English und Neuseeland-English. In Europa wuchsen franglais und sovangliski. Undurchdringlicher Mischmasch ist entstanden.

Schrift wurde mit gesprochener Sprache schwer vereinbar, bald beliebig aussprechbar. Wenn Nike naikhii tönt, wenn aus high hai wird, aus rough röf, aus sure schuä, wo lead entweder liid oder led zu vertonen ist, wo das r verloren geht, wo - - , da geht auch Lernbarkeit verloren. Bei meinem Besuch in USA 1970 lief gerade ein Reklame Spot im Fernsehen, der tönte aufdringlich: "pudder is pedder!" (oder pöther is pether). Aus tt war pflüderweiches dd/th geworden, aus b ein hartes p*.     Die englische milliard (1 000 000 000) wurde billion genannt, so musste die Billion zur amerikanisch trillion werden, undsoweiter, als stünde bi- mit neun Nullen im Einklang, als liesse sich die quadrillion mit ihren 15 Nullen durch 4 teilen. Es fehlte der kulturelle Hintergrund, das Latein. Hörbar zum Beispiel im 'kwivlnt', wo equi-valent gemeint ist. Dennoch wurde Amerika zur potenten Vormacht, tonangebend in der Wissenschaft. Übermächtig auch in England, wo billion und milliard durcheinander geraten. Für Europa resultierte daraus eine verwirrende Fülle von Mengenfehlern um Faktor 1000. Das ist besonders verhängnisvoll, weil im Zeitalter der Taschenrechner und Computer der Sinn für Grössenordnungen verloren gegangen ist, weil Kopfrechnen und Rechenschieber nicht mehr Mode sind. Wer kennt noch den Rechenschieber?
       
Konradin Kreuzer