| In Lörrach:
Im Programm Basel-Stadt des Festivals unter dem Motto Wissenschaft
und Kultur lockte mich der Ausflug in die Stadtkirche von Lörrach
zum Thema
"Ethik und Menschenbild: Eröffnung
der Diskussionswoche durch Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm
- Die Faszination des Machbaren - Einflüsse der Biotechnologie
auf unser Menschenbild."
Etwa 80 Personen kamen in die Stadtkirche. Es entstand ein recht lebhafter
Gedankenaustausch zwischen vorne (Podium) und Volk. Nicht auf das
Thema will ich hier eingehen, sondern fragen, ob "ein
Dialog über Grenzen und Möglichkeiten der Wissenschaft"
(so der Sinn des Festivals) zustande kam. Mein Problem war mein Gehör
im Widerhall des Kirchenraums. Doch nicht die Akustik allein erschwerte
das Verstehen, auch das vielen Deutschen eigene gutturale Munkeln.
Eine höher entwickelte Gesprächskultur könnte den Dialog
fördern. Kontakt von Mensch zu Mensch entsteht über alle
Sinne. Ar-ti-ku-lie-ren statt munkeln würde manches erleichtern;
daran mangelt es weit herum. Manchmal dünkt mich, meine schwierigste
Fremdsprache sei das Deutsch vieler Deutschen. Wir Schweizer haben
den Vorteil, dass das Hochdeutsche eine Fremdsprache ist und wir auf
Deutlichkeit achten müssen. (Anderseits sind viele Schweizer,
wenn sie öffentlich reden, nicht imstande, Sätze ganz und
zu Ende zu formulieren. Das ist ein Schulungsmangel, an dem auch ich
leide.) Am Dialog sind auch die anderen Sinne beteiligt: das Auge
(der Blick auf die Lippen und den Gesichtsausdruck), die Nase (im
ungelüfteten Raum ist nicht gut reden), sogar die „Zunge“-
eine Rede kann fad sein oder süss, gepfeffert oder bitter. -
In Basel:
Am folgenden Tag war mein Hörproblem behoben. Ich verstand jedes
Wort aller Referenten ohne Mühe (2 von 6 waren Deutsche); sie
alle artikulierten - nämlich in Basel zum Thema:
"Money makes the world go around! - Die
Universität Basel verlässt ihren Elfenbeinturm. Wissenschaftler
diskutieren in der lockeren Atmosphäre gemütlicher Lokale.
Eintritt frei." So heisst es im Programmheft.
Das Lokal "Unternehmen Mitte" ist gemütlich, vollbesetzt,
auch mit jungen Menschen. Das Podium begann, moderiert von Medan MEIER,
dem Chefredaktor "Bilanz" (gestört nur durch laute
Zwischenrufe und penetrantes Klatschen eines Pfeifenrauchers nach
jedem Teilvotum oder mitten in Sätze). Nach
1½ Stunden Anhören des Podiums verlangte ich das
Wort und sagte: Die Diskussion um das unerschöpfliche
Thema Geld ist hochinteressant; Sie könnten es noch lang fortsetzen.
Es gibt aber einen übergeordneten Titel zu diesem Festival, nämlich
"Science et Cité". Jetzt redet Ihr da vorne, die
Wissenschaft also, aber die Cité, die Gesellschaft bleibt stumm;
ich hätte gern eine Frage an einen Referenten gerichtet. „Dann
stellen Sie die Frage!“ (MEIER, ungeduldig). Ich tat
es und erhielt Antwort. Ein weiterer Gast verlangte das Wort. Nach
einigen Sätzen unterbricht ihn scharfer Kommandoton:
„Stellen Sie Ihre Frage!“ Noch eine Wortmeldung,
dann setzte der Moderator zum Abschliessen an, doch flogen weitere
Hände hoch. Sie durften noch reden, wurden aber unterbrochen:
„Ihre Frage, bitte!“ Nun ertrotzte ich zum zweiten
Mal das Wort und sagte: Es ist eine verhärtete
Tradition in Wissenschaftskreisen,
dass das Publikum nur Fragen stellen und vom Experten die richtige
Antwort entgegennehmen darf. Nicht erlaubt ist es eine Meinung zu
sagen, nicht erlaubt, Laienwissen - solches
gibt es! - vorzutragen. Soll das Dialog sein?
Medard MEIER hatte einleitend die Referenten begrüsst, kaum
aber die Gäste. Sein Blick ins Volk war leer. Hat ihn die erwartungsvolle
Gesellschaft gestört?
In Lörrach:
Noch einmal fuhr ich nach Lörrach, diesmal in den Burghof zum
Abschluss des Festivals Science et Cité. Das Thema war "Wassermangel
bedroht die Weltbevölkerung - Wasser - der Konfliktstoff des
21.Jahrhunderts - - - Wer regelt die Wasserversorgung? Darf Wasser
in die Hände von privaten Konzernen gelangen? Ist Wasser ein
öffentliches Gut und ein Grundrecht des Menschen?"
Einleitend BÄR (Rosmarie) gegen MUTZ (Dieter) zur Wasser-Not
vieler Länder und über die Problematik einer Privatisierung
(diese ginge in die Hand und Kontrolle von nur drei Grosskonzernen!,
mahnt BÄR). Ein lebhaftes Gespräch von und mit den Gästen
setzte ein. Die Tuareg sind weit weg, auch Usbekistan, Mexiko mit
ihren Wasser-Nöten. Wir hier aber verschwenden Wasser. Wir müssten
es als kostbares Gut begreifen lernen. Einer fragte, was kann ich
tun? Er hat bereits etwas getan, nämlich gefragt. Ich mahnte,
dass vieles schief läuft auf der Welt, solange oder weil wir
nicht rebellieren, weil wir zu wenig fragen. 'Dumme' Fragen sind erst
dann dumm, wenn wir sie nicht stellen.
Flüh, 14.Mai 2001
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