| Soll nach einem Alarm
Katastrophenschutz organisiert und verordnet werden – oder sollen
spontane Abläufe in der Not gefördert werden? – eine
Sicht aus der Risikoforschung am Beispiel der Pest in London 1665.
Luftschutz > Zivilschutz > Katastrophenschutz > Bevölkerungsschutz
wohlgeregelte schweizerische Institutionen eines Jahrhunderts - die
meinten, eine gefährdete Bevölkerung im Notfall retten zu
können. Ich weise auf eine neue Betrachtung und zitiere aus einem
Bericht über die Pest in London 1665. - Daran knüpfe ich
ein paar reale Beispiele.
Das Unberechenbare fassbar machen
Terror, Pandemien, Klimawandel – die Krisen
der Gegenwart machen vor Grenzen nicht Halt. … Warum heutige
Krisen anders sind und warum ihnen mit klassischen Methoden nicht
beizukommen ist, erläutert Dirk Helbing Professor an der ETH
Zürich für Soziologie und Leiter des Kompetenzzentrums für
die Bewältigung von Krisen in komplexen sozioökonomischen
Systemen.
Woran liegt es, dass heute die Auswirkungen lokaler Krisen so viel
grösser sind?
Wir sind viel vernetzter und damit sind viele der Schutzwälle,
die es früher gab, nicht mehr vorhanden. Die Dominoeffekte, die
es bei systemischen Krisen gibt, wurden früher oft von ganz allein
unterbrochen, weil die Vernetzung nicht global war. Heute kann der
Unterbruch einer einzigen Stromleitung in Norddeutschland zu Stromausfällen
in ganz Europa führen. Die Finanzkrise hat zudem gezeigt, dass
die Akteure ihre Kontrollmöglichkeiten stark überschätzen.
Das System entwickelt eine Eigendynamik, die im Grund genommen nicht
kontrollierbar ist.
. . . .
Sind komplexe Systeme kontrollierbar?
Die verbreitete Idee, Komplexität zu beherrschen, ist irreführend.
Die Vorstellung wäre ja, man könne ein komplexes System
steuern wie ein Auto, das heisst, man könne das Lenkrad herumreissen
und dann macht das System das, was man will. Das ist eben nicht der
Fall. Komplexe Systeme sind dadurch
charakterisiert, dass die Interaktionen innerhalb des Systems gegenüber
externen Eingriffen dominieren. Deshalb entsteht im System eine Selbstorganisation.
Es ist sehr unklug, die Selbstorganisation eines Systems zu bekämpfen.
Vor allem braucht es auch unglaublich grosse Ressourcen, wenn man
ein sich selbst organisierendes System dazu zwingen möchte, sich
anders zu verhalten beziehungsweise zu organisieren, als es das von
sich aus tun würde. Wir brauchen deshalb einen Paradigmenwechsel.
Wenn man ein System oder eine Gesellschaft stabil halten möchte,
dann muss man auf die Selbstorganisationskräfte setzen. Wir müssen
vor allem herausfinden, wie man diese Kräfte stärken und
einsetzen kann.
. . . .
Dirk HELBING, (aus Das Unberechenbare fassbar machen, ETH GLOBE
3/2009, 9 und 14-15)
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Das lässt mich wieder auf die Zeit zurückkommen,
in der die Pest gerade begann, das heisst, als es deutlich wurde,
dass sie sich über die ganze Stadt verbreiten würde, und
als, wie schon gesagt, die wohlhabenderen Leute aufgestört wurden
und begannen, eilig aus der Stadt zu verschwinden. Das Gedränge
war, wie von mir gehörigen Orts vermerkt, wahrhaftig so gross,
und der Kutschen, Pferde, Wagen und Karren waren so viele, welche
die Leute wegfuhren und -schafften, dass es aussah, als würde
die ganze Stadt davonlaufen; wären
nun damals irgendwelche schreckenerregende Verordnungen erlassen worden,
vor allem solche, die sich anmassten, über die Menschen zu verfügen,
statt sie über sich selbst verfügen zu lassen., hätte
dies die Altstadt wie die Vororte in die äusserste Verwirrung
gestürzt.
Aber die Behörden flössten der Bevölkerung klugerweise
Mut ein, erliessen sehr gute Verordnungen für die Bürger,
hielten die Ordnung in den Strassen aufrecht und machten jeder Bevölkerungsgruppe
alles so erträglich wie möglich.
Daniel DEFOE, Ein Bericht vom Pestjahr London
1665
(Carl Schünemann Verlag Bremen, 1965, Seite 250)
[Daniel DEFOE schrieb "Robinson Crusoe"]
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Zwischen 1665 und 2009 sind viele Schutz-Organisationen und Schutz-Behörden
entstanden. Weltberühmt und zur Nachahmung empfohlen wurde K71,
das schweizerische Konzept 1971 für den Zivilschutz. Wir
haben es übungshalber durchgespielt. In meinem Vortrag
1981 in Hamburg schilderte ich den Ablauf streng nach gegebenen Normen
und Weisungen:
1986 Tschernobyl
1986 Schweizerhall
1988 als es im Güterbahnhof brannte
2001 Toulouse
Es ist eine Illusion, wenn Behörden und Stäbe meinen, eine
Bevölkerung aus akuter Gefahr retten zu können. Sie sollten
sich darauf beschränken, Hilflose aus der Gefahrenzone zu retten
- das allein kann schon übermenschliche Aufgabe sein. Anderseits
aber und gleichzeitig müssen sie der denk- und handlungsfähigen
Bevölkerung alle Hilfe bieten und spontane Abläufe fördern,
damit Gefährdete sich selber - zum Beispiel durch eine schnelle
Flucht - aus der Gefahr befreien können.
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Flüh, im Oktober 2009 - Konradin Kreuzer
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