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Lernen aus der Pest in London 1665

Oktober 2009

Soll nach einem Alarm Katastrophenschutz organisiert und verordnet werden – oder sollen spontane Abläufe in der Not gefördert werden? – eine Sicht aus der Risikoforschung am Beispiel der Pest in London 1665.

Luftschutz > Zivilschutz > Katastrophenschutz > Bevölkerungsschutz
wohlgeregelte schweizerische Institutionen eines Jahrhunderts - die meinten, eine gefährdete Bevölkerung im Notfall retten zu können. Ich weise auf eine neue Betrachtung und zitiere aus einem Bericht über die Pest in London 1665. - Daran knüpfe ich ein paar reale Beispiele.

Das Unberechenbare fassbar machen

Terror, Pandemien, Klimawandel – die Krisen der Gegenwart machen vor Grenzen nicht Halt. … Warum heutige Krisen anders sind und warum ihnen mit klassischen Methoden nicht beizukommen ist, erläutert Dirk Helbing Professor an der ETH Zürich für Soziologie und Leiter des Kompetenzzentrums für die Bewältigung von Krisen in komplexen sozioökonomischen Systemen.

Woran liegt es, dass heute die Auswirkungen lokaler Krisen so viel grösser sind?
Wir sind viel vernetzter und damit sind viele der Schutzwälle, die es früher gab, nicht mehr vorhanden. Die Dominoeffekte, die es bei systemischen Krisen gibt, wurden früher oft von ganz allein unterbrochen, weil die Vernetzung nicht global war. Heute kann der Unterbruch einer einzigen Stromleitung in Norddeutschland zu Stromausfällen in ganz Europa führen. Die Finanzkrise hat zudem gezeigt, dass die Akteure ihre Kontrollmöglichkeiten stark überschätzen. Das System entwickelt eine Eigendynamik, die im Grund genommen nicht kontrollierbar ist.
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Sind komplexe Systeme kontrollierbar?
Die verbreitete Idee, Komplexität zu beherrschen, ist irreführend. Die Vorstellung wäre ja, man könne ein komplexes System steuern wie ein Auto, das heisst, man könne das Lenkrad herumreissen und dann macht das System das, was man will. Das ist eben nicht der Fall.
Komplexe Systeme sind dadurch charakterisiert, dass die Interaktionen innerhalb des Systems gegenüber externen Eingriffen dominieren. Deshalb entsteht im System eine Selbstorganisation. Es ist sehr unklug, die Selbstorganisation eines Systems zu bekämpfen. Vor allem braucht es auch unglaublich grosse Ressourcen, wenn man ein sich selbst organisierendes System dazu zwingen möchte, sich anders zu verhalten beziehungsweise zu organisieren, als es das von sich aus tun würde. Wir brauchen deshalb einen Paradigmenwechsel. Wenn man ein System oder eine Gesellschaft stabil halten möchte, dann muss man auf die Selbstorganisationskräfte setzen. Wir müssen vor allem herausfinden, wie man diese Kräfte stärken und einsetzen kann.
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Dirk HELBING
, (aus Das Unberechenbare fassbar machen, ETH GLOBE 3/2009, 9 und 14-15)

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Das lässt mich wieder auf die Zeit zurückkommen, in der die Pest gerade begann, das heisst, als es deutlich wurde, dass sie sich über die ganze Stadt verbreiten würde, und als, wie schon gesagt, die wohlhabenderen Leute aufgestört wurden und begannen, eilig aus der Stadt zu verschwinden. Das Gedränge war, wie von mir gehörigen Orts vermerkt, wahrhaftig so gross, und der Kutschen, Pferde, Wagen und Karren waren so viele, welche die Leute wegfuhren und -schafften, dass es aussah, als würde die ganze Stadt davonlaufen; wären nun damals irgendwelche schreckenerregende Verordnungen erlassen worden, vor allem solche, die sich anmassten, über die Menschen zu verfügen, statt sie über sich selbst verfügen zu lassen., hätte dies die Altstadt wie die Vororte in die äusserste Verwirrung gestürzt.

Aber die Behörden flössten der Bevölkerung klugerweise Mut ein, erliessen sehr gute Verordnungen für die Bürger, hielten die Ordnung in den Strassen aufrecht und machten jeder Bevölkerungsgruppe alles so erträglich wie möglich.


Daniel DEFOE, Ein Bericht vom Pestjahr London 1665
(Carl Schünemann Verlag Bremen, 1965, Seite 250)
[Daniel DEFOE schrieb "Robinson Crusoe"]

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Zwischen 1665 und 2009 sind viele Schutz-Organisationen und Schutz-Behörden entstanden. Weltberühmt und zur Nachahmung empfohlen wurde K71, das schweizerische Konzept 1971 für den Zivilschutz. Wir haben es übungshalber durchgespielt. In meinem Vortrag 1981 in Hamburg schilderte ich den Ablauf streng nach gegebenen Normen und Weisungen:

1986 Tschernobyl

1986 Schweizerhall

1988 als es im Güterbahnhof brannte

2001 Toulouse

Es ist eine Illusion, wenn Behörden und Stäbe meinen, eine Bevölkerung aus akuter Gefahr retten zu können. Sie sollten sich darauf beschränken, Hilflose aus der Gefahrenzone zu retten - das allein kann schon übermenschliche Aufgabe sein. Anderseits aber und gleichzeitig müssen sie der denk- und handlungsfähigen Bevölkerung alle Hilfe bieten und spontane Abläufe fördern, damit Gefährdete sich selber - zum Beispiel durch eine schnelle Flucht - aus der Gefahr befreien können.

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Flüh, im Oktober 2009  - Konradin Kreuzer